Kompass für die virtuelle Persönlichkeitsstruktur

Das darf kein Tabu-Thema sein, denn nach dem finalen Logout müssen sich die Angehörigen um die weiterlebende digitale Existenz kümmern können.
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NiNeAl
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Kompass für die virtuelle Persönlichkeitsstruktur

Beitrag von NiNeAl » Freitag 8. September 2017, 14:22

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Eine lückenlose und strukturierte Dokumentation zu den Aktivitäten und Vorgängen in der virtuellen Lebenswelt ist nicht nur für Angehörige interessant, die den digitalen Nachlass der Person regeln müssen. Bereits zu Lebzeiten ist es sinnvoll, den Überblick zu behalten. Nicht selten werden nebenbei Accounts bei den verschiedensten Internet-Anbietern angelegt, die wegen der ausbleibenden Nutzung in Vergessenheit geraten. Selbst wenn die beanspruchten Dienstleistungen kostenlos sind, bleiben in den digitalen Sphären nach der Aktivierung persönliche Daten zurück. Außerdem können eine Vielzahl von Vorkommnissen dafür sorgen, dass wichtige Informationen wie das Passwort für den Email-Zugang vorübergehend oder unwiderruflich aus dem Gedächtnis verschwinden.

Die amtliche Bürokratie sattelt ebenso wie die Rechnungsabteilungen zunehmend auf die papierlosen Kommunikation via Email um. Passend dazu werden sukzessive die gesetzlichen Rahmenbedingungen angeglichen, wodurch die elektronische Post an Rechtskraft gewinnt und ebenso gewissenhaft kontrolliert werden muss wie der Briefkasten an der Haustür. Demnach genügt bereits eine ernsthafte Erkrankung, damit sich für die unterstützenden Vertrauenspersonen die Frage nach dem Zugang stellt.

Kleiner Bruder des Klassikers – virtueller Briefkasten für die Familie

Sensible Daten, persönliche Geheimnisse, Allgemeine Geschäftsbedingungen: Diese Stichworte und viele weitere Argumente sprechen dafür, Passwörter und ähnliche Zugangsdaten auch nahestehenden Personen nicht zu offenbaren. Deshalb warten Fachmagazine, Ratgeber und Foren mit den pfiffigsten Lösungsansätzen auf, die für den ohnehin emotional belasteten Ernstfall noch zu komplex erscheinen. Wer in einer festen Partnerschaft lebt, sollte sich daran erinnern, dass einst der gesamte persönliche Schriftverkehr im Briefkasten landete. Damit war die postalische Kommunikation immer in einem gewissen Rahmen für die Mitbewohner nachvollziehbar.

Dementsprechend liegt es nahe, als Ehepaar oder Familie ein gemeinschaftliches Email-Konto für die offizielle Kommunikation einzurichten, dessen Passwort zumindest den Erwachsenen bekannt ist. Landen Rechnungen zu bestehenden Verträgen mit Versicherungen, Telekommunikationsanbietern und anderen Dienstleistern konsequent im virtuellen Briefkasten der Familie, geraten in Ausnahmesituationen wichtige Verbindlichkeiten oder Erledigungen nicht aus dem Sinn. Auch Alleinstehende können sich für diese Lösung entscheiden und die aktuellen Zugangsdaten für den virtuellen Postkasten beispielsweise engen Vertrauenspersonen wie den Eltern in einem geschlossenen Briefumschlag zu überreichen.

Spannendes Backup zu den Online-Aktivitäten

Dieser Vorschlag für die offizielle Kommunikation deckt selbstverständlich nur einen Bruchteil der digitalen und virtuellen Aktivitäten ab. Jeder nutzt zeitgemäße Technik wie das Tablet und moderne Medien wie das Internet anders, wobei die individuellen Interessen eine wesentliche Rolle spielen. Daraus ergeben sich weitere Accounts mit diversen Anbietern oder Zugangsdaten für den PC oder das Smartphone. Gemäß der einleitenden Erläuterungen ist es bereits von Interesse, im normalen Alltag den Überblick zur virtuellen Persönlichkeitsstruktur zu behalten.

Deshalb ist ein Brainstorming empfehlenswert, bei dem alle Mitgliedschaften, Verträge oder Aktivitäten bei sozialen Netzwerken, Foren, Auktionshäusern und Internet-Anbietern wie Spiele-Portalen notiert werden. Beim ersten Mal können sich die Aha-Effekte zu diesem Thema durchaus über mehrere Tage erstrecken und einige Accounts in Erinnerung rufen, die nach der Einrichtung niemals verwendet wurden. So ist es zu erwarten, dass im Zuge der Dokumentation einige unnötige virtuelle Fußstapfen im Internet auftauchen. Bei derartigen „Leichen im Keller“ kann die Löschung oder Kündigung umgehend in Angriff genommen werden.


Kompakter Wegweiser für den digitalen Nachlass

Alle verbleibenden digitalen und virtuellen Aktivitäten können abschließend einwandfrei lesbar und logisch strukturiert in einer Liste mit zweifacher Ausfertigung festgehalten werden. Hierfür empfiehlt sich die analoge Variante mit Stift und Papier. Wer die Übersicht, in die beispielsweise die Zugangsdaten für elektronische Geräte, das Online-Banking oder die Email-Konten gehören, lieber mit dem PC erstellt, sollte die Datei nach dem Ausdruck sorgfältig vom Datenträger entfernen oder absolut sicher verschlüsseln.

Ein Exemplar kann in persönlichen Stresssituationen sehr wertvoll sein und sollte an einen geheimen Ort abgelegt werden. In der Schreibtischschublade sollte die sensible Datensammlung ebenso wenig landen wie auf einem Post-It, das direkt am Bildschirm platziert wird. Etwas mehr Phantasie ist schon angebracht, damit das Dokument nicht in falsche Hände gerät. Die zweite Ausfertigung sollte für den Fall in einem verschlossenen und entsprechend beschrifteten Umschlag eingetütet werden, da sich die Angehörigen mit dem digitalen Nachlass auseinandersetzen müssen.

Diesbezüglich taucht immer wieder der Vorschlag auf, die Zugangsdaten an das Testament anzugliedern. Gegen diese Vorgehensweise spricht nicht nur, dass sich häufig schon vor der Testamentseröffnung ein Handlungsbedarf ergibt. Die virtuelle Persönlichkeitsstruktur ändert sich stetig und Passwörter müssen regelmäßig aufgefrischt werden. Demnach ergibt sich die Notwendigkeit, die Liste in gewissen Abständen aufzufrischen. Dabei möchte man sich nicht jedes Mal mit den kompletten Erbregelungen befassen. Weitaus sinnvoller ist es zum Beispiel, den versiegelten Briefumschlag an verwandte Dokumente wie die Urkunde der Sterbeversicherung oder der Pflegeversicherung zu heften. Derartige Dokumente sollten ohnehin in einem säuberlich geführten Ordner im Papierformat vorliegen, damit die Nerven der Angehörigen nicht unnötig strapaziert werden.

Natürlich besteht das Risiko, dass ein Mitbewohner den Brief ohne einen gegebenen Anlass vorzeitig öffnet. Allerdings handelt es sich dabei um einen Vertrauensbruch, der sich wegen der Entsiegelung des Umschlags schnell offenbart, meist mit ernsthaften Motivationen verbunden ist und einen akuten Gesprächsbedarf signalisiert.

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